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kreuzchen

Lass dich anrühren von Kummer und Leid

Als Nelson sich seiner Nichten und Neffen annimmt, wird ein Kreuz zu Himmelsblumen. Leuchtend blauen, viel zehntausendmal

Es ist schon lange her. Diese Geschichte trug sich 1979 in den Anfängen unserer Arbeit zu, noch in der Zeit der Pinochet-Diktatur. Wir hatten schon die ersten Kindergärten eingerichtet. In einen von ihnen brachte eine junge Mutter aus dem Armenviertel ihre drei Kinder. Schon bald wurden wir gewahr, dass die Mutter schwer krank war. Sie hatte Gebärmutterkrebs.

Krebs ist immer fürchterlich. Die Armen aber sind seinen zerstörerischen Kräften völlig schutzlos ausgeliefert. Wenn ich zu ihr ging, konnte ich immer schon viele Meter vor ihrer Hütte den Gestank ihrer Krebsgeschwüre riechen.

Ihr Mann hatte sie ausgerechnet jetzt verlassen. Es war klar, dass sie bald würde sterben müssen. Was sollte dann nur mit den Kindern geschehen? Mit meiner Mitschwester Maruja zerbrach ich mir den Kopf darüber. Eine wirklich gute Lösung aber fiel uns nicht ein. Wer würde drei kleine Kinder auf einmal aufnehmen? Wir beschlossen, für jedes Kind eine Familie zu suchen und diese zu unterstützen.

Die Mutter starb. Doch nach der Beerdigung konnten wir die Kinder nicht finden. Jemand hatte sie mitgenommen. Wir brachten in Erfahrung, dass Nelson die Kinder bei sich hatte, ein Onkel der Kinder, der selber einen noch ganz kleinen Sohn bei uns im Kindergarten hatte.

„„Madre Karolina, ich werde für die Kinder meiner Schwägerin sorgen“, sagte er. Diese Bereitschaft, drei kleine Kinder zu sich zu nehmen und sich um sie zu kümmern, erschütterte mich. .

Mir verschlug es die Sprache. Wie sollte denn dieser bitterarme Mann drei weitere Kinder ernähren können?!

„Wie willst du das machen?“

„Madre, sei ohne Sorge, das wird mir schon gelingen.“

Diese Bereitschaft, die Kinder der Schwester seiner Frau anzunehmen, erschütterte mich. Ich kannte Nelson nur wenig, eben als Vater eines Kindes in unseren Kindergärten aber ich hatte das Gefühl, dass Nelson ein entschlossener Mann war, der sein Wort halten würde. Ich wusste, dass er, obschon er alleine stand, gewissenhaft für sein Kind da war. Als er so vor mir stand, aufrichtig und klar, fühlte ich seinen Mut, ein großes Herz und eine große Entschlossenheit, diese Aufgabe, die für ihn eine ganz selbstverständliche war, zu übernehmen. Aber dennoch war ich voller Sorge. Es war noch nicht einmal genug zu essen für ein Kind da. Wie sollten da vier Münder satt werden?

„Nelson“, fragte ich deshalb. „Was genau arbeitest du?“ Ich wollte mehr über ihn erfahren, um herauszufinden, ob und wie wir ihn unterstützen könnten.

„Oh, ich arbeite mit Steinen, Madre.“

Ich überlegte, was mochte das sein, mit Steinen arbeiten? Aber es war die Zeit, in der immerhin ein wenig in die Infrastruktur der Armenviertel investiert wurde: An einigen Stellen wurde versucht, der Schlamm-, Morast- und Fäkalienfluten in den Armenvierteln durch gepflasterte Wege Herr zu werden. So dachte ich, Nelson sei ein Straßenarbeiter.

„Ah, im Straßenbau arbeitest du, was für eine schwere Arbeit!“

Nelson lachte, schüttelte den Kopf und zeigte auf seine blauschwarzen Arme und Hände: „Aber nein, Madre, nicht im Straßenbau, ich arbeite mit Steinen.“

Endlich begriff ich: „Mit Edelsteinen arbeitest du! Wie schön. Mit welchen denn, und was machst du genau?“

Nelson sprudelte glücklich los und erzählte, dass er Lapislazuli, einen wunderschönen, tiefblauen Stein, den es in Chile ( und außerhalb von Chile nur noch in Afghanistan) gibt, zu Silberschmuck verarbeitete. Nelsons Auftraggeber war ein Silberschmuckfabrikant, von dem er für schrecklich viel Arbeit doch nur einen Hungerlohn erhielt. Es waren, wie fast immer für die Menschen, mit denen ich im Armenviertel zusammenarbeite, entwürdigende Bedingungen.

„Wie gut, dass ich das jetzt weiß. Nelson, ich danke Dir sehr. Lass mich nur nachdenken“, sagte ich. Gemeinsam mit Maruja überlegte ich, wie wir Nelson unterstützen konnten. Schließlich fiel mir etwas ein und ich suchte ihn wieder auf.

„Nelson, wir brauchen ein kleines Zeichen für unsere Gemeinschaft. Etwas, das uns alle verbindet und das sofort zum Ausdruck bringt, um was es uns geht. Meinst du, du kannst aus Lapislazuli eine kleine Blume in der Form eines Kreuzchens für uns entwerfen?“

Nelson verstand direkt, um was es uns ging. Von seinem Entwurf waren wir alle begeistert: Es schlug uns eine kleine, tiefblaue Himmelsblume vor, durch deren äußere Form in der Silberfassung das Kreuz schimmert. Wir waren einverstanden und haben es bei Nelson als Dauerauftrag bestellt. Auf diese Art war Nelson unabhängig von den ausbeuterischen Schmuckfabrikanten und Schmuckhändlern. Jetzt verdiente er genug, dass alle vier Kinder satt und bei ihm groß werden konnten. Und wir, die Menschen in unserer Gemeinschaft, haben seit dreißig Jahren ein Blumenkreuz. Als Zeichen unserer Verbundenheit. Als Symbol für unsere Arbeit. Vor allem aber ein Bild, wie wir das, im Christentum so zentrale Kreuz verstehen: im Kreuz schimmert der Himmel durch. Ja, beim Kreuz geht es um Leid und Leiden. Beides gibt es, immer, im Leben, auch wenn wir es nicht haben wollen. Aber wer sich vom Leid berühren lässt – der fühlt den Himmel. In sich. Und holt ihn für die anderen auf die Erde.

Ich kann es nicht mehr zählen, aber es waren sicher viele zehntausend Mal, dass wir das Kreuzchen verkauft oder verschenkt haben.

Aus dem „Stückchen chilenischen Himmel“, wie ich das kleine silberne, tiefblaue Silberkreuzchen immer nenne, ist schon lange ein großes Himmelsfirmament geworden, das sich über uns allen erstreckt.

(Auszug aus dem Buch "Liebevolle Gebote für ein erfülltes Leben" von Karoline Mayer und Angela Krumpen)

Übrigens, zum Erscheinen des Buches hat Nelson in Santiago viele neue Kreuzchen geschaffen. Sie können ein Lapislazuli-Kreuz zum Preis von € 10,00 (incl. Versandkosten) erwerben. Bestellung bei
Peter Pogrzeba
Gabelsbergerstr. 22
D-79111 Freiburg
Email: peter.pogrzeba@t-online.de

Überweisungen bitte an: Cristo Vive Europa Partner Lateinamerikas e.V. (Büro Freiburg)
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